Katalog zum Anlaß der Nexus - Ausstellung im Mittelrhein-Museum Koblenz, 2002, Koblenz

Text von Matthias Zschokke

Das malende Mondkalb

Erwähnt heute jemand die Loreley, egal in welchem Zusammenhang, setzen die anderen vorsichtshalber ein Schmunzeln auf-, die Möglichkeit, daß es sich um einen Scherz handelt, ist zu groß, Bei Manfred Schling ist das Mißtrauen doppelt angebracht, malt der doch besonders faustdick, Schicht über Schicht, von der jede ihr eigenes Gegenteil bedeuten oder verbergen kann. Außerdem verweisen seine Titel auch noch auf Philosophie und Literatur; man weiß nie, handelt es sich bei ihnen um tiefsinnige Anspielungen, die man bloß gerade nicht entschlüsseln kann, oder sind es schöne Einfälle. Er erklärt nichts. Wer sich auf seine verwitterten Botschaften einläßt, wird darin tiefer und tiefer graben können und trotzdem auf keinen banalen Grund stoßen.

Nimmt sich Schling die Loreley vor, müssen wir somit davon ausgehen, daß er viel mit dem Namen verbindet, seine Kenntnisse aber nicht verraten wird, sondern vermalen. Das heißt, er malt nicht; er mischt, schüttet, experimentiert mit Pigmenten und Lösungen, die sich gegeneinander wehren, zwingt diese renitente Mixtur auf die Leinwand, kratzt sie wieder herunter, und hat endlich alles seinen Ort gefunden, strahlt es eine trotzig geballte, versteinerte Kraft aus, im vorliegenden Fall eine gewaltige Melodei.

In Heines Gedicht steht: » ... und es dunkelt,/Und ruhig fließt der Rhein ... «; weiter: »Die schönste Jungfrau sitzet/Dort oben wundebar/Ihr goldnes Geschmeide blitzet ... « - also dunkelt's auch bei Schling, fließt ruhig und blitzet. Warum? Weil er gute Dichtung liebt - und die Kunst und den Rhein und den deutschen Fels -, und weil ihn wildes Weh ergreift, wenn er an sie denkt und daran, daß er seine Liebe verleugnen soll, bloß weil gerade Ironie-konjunktur herrscht. Er mag die alten Zeiten nicht zerkichern. Er ist ein Romantiker, ein Mondkalb. Die haben es im Moment schwer. Doch was kümmert ihn, ob gerade Gelächter oder Ernst angesagt ist, Schling malt seine wundersamen Bilder, »... Und das hat mit ihrem Singen/Die Lore-Ley getan.«