Kieler Rundschau, 21. Juli 1983

Verdeckte Malgründe

"Zeichen - Gesten - Bilder" von Manfred Schling im Künstlerhaus Kiel

Ein „junger Wilder" ist er nicht, eher in bewußter Distanz ein rationaler Romantiker: der in Berlin lebende Maler Manfred Schling (1951 geb.). Er teilt das Atelier mit Dirk van der Meulen, einem agressiveren Maltemperament, der in dem edel gedruckten Katalog seinem Freund eine Hommage von explodierender Sprachgewalt darbringt. Dreißig großformatige Bilder und vier kleinere, »Zeichnungen« genannt, Werke aus den letzten drei Jahren, zeigt Schling in der Ausstellung im Künstlerhaus am Seefischmarkt, die in Zusammenarbeit mit der Galerie Wewerka/Berlin zustande kam. Hier schmort die Kunstszene in Schleswig-Holstein 'mal nicht im eigenen Saft. Das Künstlerhaus, vormals im Museum Sophienhof und seit gut einem Jahr auf dem fast stillgelegten Fabrikgelände an der Schwentine, hat mit den riesigen Hallenräumen gute Voraussetzungen für große, freie "Kunstsalons". Der Kunstbesucher erlebt hier so etwas wie eine freie Atmosphäre von Atelier und Werkstatt, von künstlerischer Produktion. Halb fertig, ja provisorisch mit interessanten und selbst schon wieder künstlerischen, spurensichernden Defekten in Mauer und Decke, wirkt dieses Kunst-Ambiente schon, das derzeit in einer Phase der Neuorientierung schwebt.

Daß Kunst vor solchem Hintergrund wirkt, beweisen die Bilder von Manfred Schling, die gegen die groben, geweißten Mauern ihre Farbwerte voll ausreizen, Platz genug haben und doch am Ende ein homogenes Gesamtbild einer Ausstellung ergeben. Dieser Eindruck wird sicherlich auch durch die au fond gleichartige Technik der Bilder gefördert. Schling arbeitet in Mischtechniken meist auf Nessel; d.h. der Malgrund wird mit einem Gemisch aus Quarzmehl, Marmorstaub und Bindemittel präpariert. Darüber ergießt sich dann ein breiter Farbstrom, der mit wohl kalkuliertem Kurs in dem rauhen, körnigen Farbbett seine ungleichen Spuren hinterläßt. Die dichte Farbdecke scheint wie eine strapazierte Außenhaut die Bilder gegen Aufdringlichkeit, gegen zu schnelles »Erkennen« schützen zu wollen. Verletzungen ihrer Poren hat sie dennoch erfahren durch brüchige, körnige, sanft reliefierende Strukturen und Einritzungen. Dazu graphische Elemente, oft nur kürzelhaft verwischt, Schriftzüge, die wie Graffiti wirken, darüberhinaus dem Künstler ganz banal zur Kennzeichnung seiner Bilder dienen. Reale Partikel, Stoffreste und Zeitungsfetzen collagiert er subtil mit dem Gemalten. Sie setzen Akzente als schmale Figuren (»C.D. und die anderen«, »Die Beiden«) oder sind einfach immerwährendes symbolisches Zeichen wie das Dreieck, das Schling oft variiert. Dreick-Segel schwimmen ja immer wieder plakativ auf blauen Farbgründen (»Favoriten«, »Segel«, »Morgendreieck«). Seit der gut besuchten Feininger-Ausstellung letztes Jahr müßte das Kieler Publikum dieses Motiv auch hier favorisieren.

Das Bild »Diptychon II«, sandgelb mit untermischten grauen und bläulichen Tönen, strahlt mit seiner steinfarben verhärteten Oberfläche nicht nur visuelle, sondern auch starke taktile Reize ab. Das hat in jeder Hinsicht etwas Klassisches, in der Abstraktion wie im Thema. Solche Effekte, in großen Formaten inszeniert, sind das künstlerische Ergebnis, aber was ist das Thema des Malers? Seine Bildtitel klingen oft poetisch-romantisch (»Nocturno«, »Romanze«, »le vague à l'âme") zielen auf Bildungszitate. Die Bilder selbst sind sanfte Injektionen, unter der Farbdecke voll von letztlich zurückhaltend geäußerten Empfindungen.

Die verdeckten Malgründe geben aber immer wieder »Zeichen« die konkrete Assoziationen an Bildgewohntes zulassen. In jüngster Zeit versucht er, seinen Bildern einen mehr gestischen impulsgesteuerten Duktus zu geben aber weitab von den »Wilden«. Manfred Schling schweigt in der Farbe Blau, seit Cézanne das wirkmächtigste Kolorit der Moderne. Das »Konzert« vibriert in hin- und herschwingenden Blauabtönungen, verdichtet sich in rotviolett unterwanderte Blaus, darin man - als aufgeklebte Stoffsilhouette - ,den schwarz befrackten Dirigenten agieren zu sehen glaubt. »Nachtwanderer«, unter den »gestischen« Bildern eins der stärksten, zieht den Betrachter unmittelbar in den magischen Bann eines nachtblauen Himmels aus sozusagen leuchtenden Stumpffarben. Von diesen beiden möchte man eines für Kiel erhalten wissen. Neben so hervorragenden Arbeiten gibt es auch solche, die der Künstler etwas zu eilig für fertig erklärt hat. Indes wird man ihn auch fürderhin im Auge behalten müssen.