Tageszeitung, 14. September 1983

Abstrakte Lyrik

Neue Bilder von Manfred Schling in der Galerie Wewerka

Die Arbeiten von Manfred Schling erscheinen auf den ersten Blick als Teile eines Ganzen. Der Betrachter bekommt zwangsläufig das Gefühl, daß die 16 ausgestellten Exponate aus einem Gesamtwerk herausgetrennt sein könnten. Doch bei der näheren Betrachtung wird klar, daß die sich vom Aufbau und Inhalt sehr ähnelnden Bilder, in ihrer Tiefe und Aussagekraft sich deutlich unterscheiden. Diese Ausstellung ist vergleichbar mit der Uraufführung eines Musikstückes, welches aus 16 Sätzen besteht. Mit der gleichen Dynamik und Spannung aufgebaut, ohne dabei den Bezug zum Thema zu verlieren.

Im Gegensatz zu vielen seiner malenden Kollegen sind die Bilder von Manfred Schling keine Arbeiten, die sich durch Bewegung, durch Plastizität oder Perspektive selbst verlassen wollen. Sie akzeptieren ihre einfache, schlichte Oberfläche, ihre Stille und Bewegungslosigkeit. Ihnen genügt zu wiederholen, das hier ist ein Bild und sonst nichts. Seine Bilder zeigen imaginäre Landschaften, in denen jeweils etwas hinzutritt oder übrigbleibt, was diese Landschaft erst strukturiert und zur ästhetischen Natur macht.

Wenn das Auge über diese Natur spaziert, erhält es keinen Eindruck, der zur satten Information würde, keine codierte Botschaft. Das Auge kann im Spannungsfeld zwischen Materie und Material umherschweifen, ohne von einem Eindruck beherrscht zu werden. Es wird vielmehr die Bewegtheit des Bildes zu seiner eigenen Bewegung machen, doch ohne sich zu verlieren. Irgendein Restmaterial, welches ins Bild mit eingearbeitet ist (eine Linie, ein Strich, eine Bahn, die sich hier und da zu Quadraten, Dreiecken oder Graphismen aufwerfen) nimmt sich unweigerlich seiner an und stellt sich ihm entgegen, stellt sich bloß, macht einen Strich durch die Rechnung. Durch welche – die, daß eben keine Rechnung aufgehen müßte – oder: daß jeder Sinn aufgeht, daß keine Geste über ihr Ziel hinausschießt, daß jede Bewegung stimmt, daß kein Augenblick umsonst ist.

Seine Bilder enthalten keine schrillen Aufschreie oder wütenden Menetekel. Selbst da, wo sie graffitiähnliche skriptuale oder kalligraphische Elemente in den Gestaltungskanon hineinholen, bleiben diese Zeichen vorsichtige Kompositionsteile des Bildganzen. K.P. Herbach charakterisiert den Maler im Vorwort zum Katalog treffend: „Schling eignet sich die Außenwelt in seinen Bildern auf individuelle Weise an. Seine Bilder nehmen Gegebenheiten wahr, doch entziehen sie ihnen den konkreten Gehalt und fügen ihnen - quasi zum Ausgleich - subjektive Gefühls- und Erkenntniswerte hinzu. Dies kann durchaus auch durch die Übernahme von Wirklichkeitspartikeln wie Zeitungsresten oder Stoffteilen angestrebt werden.“

Seine großformatigen Bilder, deren Kantenlänge kaum je unter 100 cm liegen, hält er in nuancenreichen Schattierungen von Grau-, Blau- und Brauntönen, denen er nur ausnahmsweise sparsames Rot beigibt. In diese Bildgrundierungen bringt er Verletzungen der Oberfläche ein, in dem er Linien in sie einritzt oder sogar einreißt. (Die vorherige Bearbeitung der Leinwand mit Marmorstaub erlaubt ihm diesen Umgang mit dem Material). Durch diese künstlichen Craquelés entsteht auf dem Bildgrund eine aufgerauhte Struktur, die er schon vorher durch die Benutzung der Materialien Sand und Leim erreicht hat. Die Brüchigkeit signalisiert Verfall. Der Betrachter erinnert sich an Hauswände, Sandflächen oder faltige Tücher. Die scheinbare Morschheit oder der erzielte Ausdruck von Verwitterung holt den Zeitbegriff in den Bildkontext hinein. Auf diese Weise entsteht ein Bildhintergrund ohne eigentliche Tiefe, eine Außenhaut, die vielleicht sogar etwas verbirgt, das sich nicht länger zu erkennen geben will. Etwas Abgeschlossenes. Seine Inhalte geraten Manfred Schling nie zu einer schnelldirekten Aussage oder gar Attacke. Seine Bilder sind Angebote, Umgebungen neu zu erfahren. Dabei lassen sie Ironie erkennen, die den Verfall registriert und damit eine vage Hoffnung (Manfred Schling "Neue Bilder" bis zum 30.09.83 in der Galerie Wewerka Fritschestrasse 27/28 (Fabrikhof), 1 Berlin 10, Tel.: 341 90 81, Di-Fr 17-20 Uhr, Sa 11-14 Uhr).