Tagesspiegel, 8. Februar 1985

Rückkehr zum Tachismus

Neue Bilder von Manfred Schling bei Wewerka

Neben dem Rückblick junger Maler auf den Expressionismus beginnt sich - parallel zu kunsthistorischer Besinnung auf die sechziger Jahre - eine künstlerische Wendung zu informeller und tachistischer Malerei abzuzeichnen. Der Renaissance ungestümer gegenständlicher Malerei scheint eine Gegenbewegung zu folgen, ein Anknüpfen an gestisch geprägte, zuweilen lyrische Ungegenständlichkeit. Bescheiden, gelegentlich mit ehrfürchtiger Verbeugung vor häufig großtuerisch daherpreschender jüngster wilder Kunst tritt die neueste Neo-Kunstrichtung auf. So wird Manfred Schling, ein mit zurückhaltenden und gedeckten Farben arbeitender Maler, als ein in erster Sicht enttäuschender Künstler vorgestellt, schließlich vollbringt er, heißt es, keineswegs Kraftakte von Farben und Formen", führt keinen dramatischen Eklat" herbei und malt "scheinbar monoton". Letztlich jedoch, wird erklärt, Jüllt sich der Blick mit Zuneigung" für des Ausstellers Bilder, die kaum "spektakulär", sondern "still" auftreten.

Tatsächlich erscheint Wildheit auf ihnen nur als bedächtige, sparsame Gebärde. Und zweifellos hebt sich Schling, nun Mitte dreißig, von Malern, die mit grellfarbenen, lautstarken Bildern von sich reden machen, augenfällig ab. Aus Bad Salzuflen nach Berlin gekommen, hat er an der Hochschule der Künste bei Fred Thieler studiert, wurde Meisterschüler und auch Hofer-Stipendiat. In Gruppen- und auch Einzelausstellungen legte er bereits Arbeiten vor, jetzt zeigt er größere und kleine Stücke aus den vergangenen zwei Jahren. Leicht gekrümmt ziehen schwarzdunkle Streifen wie lyrische Diagonalen über die Leinwand, lassen Wirbel und sich verhalten abzeichnende farbige Wellen entstehen. Gebündelte Striche drängen kometenartig über den Farbgrund, schieben aufleuchtende pilzartige Wolken vor sich her. Aus bläulichgrünen, ockerbraunen und erdigen Farben bilden sich sacht atmosphärisch bewegte Felder, die Räumlichkeit und Weite gewinnen, gelegentlich sogar architektonische Formen annehmen. Schling versteht es, empfindsam Farben einzusetzen und umsichtig zu nutze. "Aufbruch" und "Landwärts" strebende Merkmale zeichnen sich ab, die "Nach Bimini" und zum "Säulengarten" führen.

Einer Schar von Thieler-Schülern, die einst zu genauester Beobachtung und kritischem Realismus drängte, folgen nun offenbar junge Maler, die zur informellen Kunstweise ihres Lehrers neigen. Als Spuren von Begegnung und Bewegung zeigen sich auf grauen Papieren Schlings kleine, schwarze Schwünge. "On the Road" und "Prophet" heißen Blätter, die mit gestischen, zum Skripturalen weisenden Zügen aufwarten. Der Aussteller gehört zu den Jüngeren, besonnenen, in sich gekehrten informellen Künstlern, die eher meditierend als herkulisch erregt ihre Arbeit aufnehmen. Nur einmal, vor einer großen, zwei Meter breiten Leinwand, ging ihm künstlerische Contenance sichtbar verloren. Nervös bedeckte er ockerfarbenen Grund mit gekritzelten Strichen, setzte mit breitem Pinsel luftig wirkendes, aufstrebendes Blau davor und ließ die untere Fläche - nur spärlich betröpfelt - weitgehend leer. Nicht gerade beachtlich gedieh ihm das beliebte Malspiel mit roher, unbearbeiteter Leinwand, zu wirksamen Stücken führte ihn bisher verläßlicher gedämpft, sich bedächtig ausbreitende Malerei. Hier liegt das Feld, dem seine eigentlichen informellen Ansichten entsprießen, die dann sogar, wie es heißt, Blicke aufmerksamer Betrachter mit Zuneigung zu trüben vermögen (Wewerka Gallery, Fasanenstraße 41a, bis 2. März; Dienstag bis Freitag 14 Uhr 30-18 Uhr 30, Sonnabend 10-14 Uhr, Eintritt frei, Katalog 20DM).

Werner Langer