Schwarzwälder Bote, 24. Januar 1987

Bilder - tief und still

Heute Eröffnung: Manfred Schling bei Forum Kunst

Seine Bilder springen einen nicht an. Umso tiefer ist das Erlebnis für jenen der sich in sie hineinsieht. ­ Manfred Schling stellt ab heute bei Forum Kunst Rottweil aus. Eröffnung ist um 19 Uhr; Schling ist dabei.

Mit zwölf meist großformatigen Arbeiten ist das Forum auch schon voll. Der 36jährige ehemalige Meisterschüler von Fred Thieler (er lebt und arbeitet in Berlin) ist alles andere als Abklatsch des großen Meisters, wiewohl eine gewisse Verwandtschaft in, der Auffassung vom Malen durchaus vorhanden ist.

Manfred Schling bereitet seinen Malgrund mit unregelmäßigem Auftrag von Quarzmehl vor; so ist bereits Struktur vorhanden für das Abenteuer, auf das er sich immer wieder einlässt. Doch ein versierter Abenteurer hat auch Erfahrung, die er einbringen kann, wenn es etwa passiert, dass bei mehrfachem lasierendem oder/und pastosem Farbauftrag verschiedene Malmittel sich gegenseitig abstoßen. Oft ist es eine große, nie aber gestikulierte Geste, die am Ende des Malvorgangs steht. Der Maler hat sein Abenteuer bestanden; nun fängt es für den Betrachter an, der den erdigen, rostigen, zuweilen patiniert wirkenden Farbigkeiten und Strukturen auch zeitliche Aspekte abgewinnen kann.

In einem Katalog schreibt Marie Victoire Friedberg treffend über Schlings Arbeiten: »Bilder, die so sehr vom Blick des Betrachters abhängen, wie die von Manfred Schling, sind selten. In der Tat, sie drängen sich niemals mittels eines Kraftaktes von Farben und Formen auf. Jedes ist eine eher vage beziehungsweise abgeschwächte Wiedergabe bedeutender wie auch einfacher Ereignisse, die Gefahr laufen, von den wasserähnlichen Diffusionen der Bildgründe verschlungen zu werden.

Nach der Überwindung einer kurzen Enttäuschung, aufgrund der Abwesenheit eines dramatischen Eklats, erfüllt sich der Blick allmählich mit dem Bild, das nicht aufhört, sich durch ständig wechselnde Wirkungen zu verändern. Sie hängen ab von der inneren Stimmung des Betrachters, vom umgebenden Licht und vor allem von der Komplexität des Wechselspiels der Kräfte auf der Leinwand. Und so be­gleiten kontinuierlich Überraschungen diese scheinbar monotonen Bilder.

Der Blick ist irregeführt, aber auch gerührt und unruhig. Er sucht das Solide und Sichere und findet das Heikle, das Zerbrechliche und Verborgene. Seine Unruhe zeugt von dem Bild, außerhalb aller Fragen der Ästhetik, wie von einem Werk, das einem bedrohten Leben gleicht, bedroht nicht von außerhalb, aber von innen heraus, durch eine mögliche Unzulänglichkeit der Lebenskraft. Nun füllt sich der Blick mit Zuneigung für diese Bilder, die verteidigt sein wollen gegen die Lust, sich, zu verlieren ... «