Oldenburger Zeitung, 25. April 1995

Spießbürgerlichem Kitsch nachgespürt

Kunstsammler mit außergewöhnlicher Schau

Kühlungsborn. An die 100 Kunstfreunde kamen am Sonnabendnachmittag zur Eröffnung, einer ganz besonderen Ausstellung in die Kunsthalle an der Strandpromenade. Erstmalig präsentierte der Kunstverein dort eine Exposition, die diesmal nicht von einem Künstler oder einer Künstlergruppe zusammengestellt wurde, sondern die ein Galerist ausgewählt hatte.

Wewerka-Projekt ist der Titel der Schau, die in den nächsten Wochen in der schönen Halle zu sehen sein wird. Der Berliner Michael J. Wewerka hat als renommierter Kunstsammler und Galerist in der deutschen Kunstszene einen guten Namen. In Berlin ist er daneben vor allem als Marktuntenehmer bekannt. Wewerka betreibt in der Straße des 17. Juni einen weit über die Grenzen der deutschen Hauptstadt berühmten Kunst- und Trödelmarkt.

Bei der Auswahl der in Kühlungsborn ausgestellten Arbeiten, so der Galerist und Kunstsammler zu OZ, habe er sich einfach von seinem Gefühl leiten lassen: "Es sind Stücke, die ich schon immer mal wieder in einer Ausstellung sehen wollte." Wewerka äußerte sich sehr positiv über die Arbeit des Kühlungsborner Kunstvereins, die Kunsthalle und über Geschäftsführer Franz Norbert Kröger, dem er seit längerem freundschaftlich verbunden ist. Es sei beeindruckend, meinte der Kunstszene-Kenner, was sich in den letzten Jahren in dieser Hinsicht im doch etwas abseitig gelegenen Kühlungsborn entwickelt hat. Dies verdiene Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Wewerka präsentiert vier ganz unterschiedliche Künstler. Die Installationen des Belgiers Guillaume Beijl "Angebot des Monats" und "Der Charme des Sonderangebots" spüren den Kitsch in kleinbürgerlichen, spießigen Wohnzimmern auf. Der Humor dieses Künstlers ist hintergründig und skurril.

Manfred Schlings Bilder, Kompositionen aus Struktur und Farbe, strahlen eine angenehme Ruhe aus. Sie leben vom Blick und der Phantasie des Betrachters und sind frei von jeder Dramatik einer Botschaft.

Wolf Vostell ist bekannt als Pionier des Happenings in Europa und Gestalter von Environments, als Mitspieler der Fluxus-Bewegung und als Aktionskünstler, der bereits amerikanische Autos in Beton eingoß und ausstellte.

Der Japaner Katzuo Katase ist mit seinen Lichtkastenbildern einer eigenen Ästhetik verpflichtet. Er verbindet fernöstliche Kulturelemente des Buddhismus mit europäisch christlicher Tradition. Seine Sprache ist still und schön und nähert sich unsichtbaren Wirklichkeiten. Zur Eröffnung bekamen die Besucher auch noch ein tolles musikalisches Bonbon geboten. Der 14jährige David Engler, Sohn eines Künstlers, der kürzlich in der Halle ausstellte, riß mit einem russischen Stück und gekonnten Improvisationen auf der Violine die Zuhörer zu langanhaltendem, begeisterten Beifall hin.

L. Werner