Aachener Volkszeitung, 2. August 1995

Zwischen Phantasie und Zweifel

"Avantière": Ausstellung in Aachen zum zehnjährigen Bestehen

Aachen. Sechs Künstler, zehn Jahre und ein poetischer Titel: "Höhenflüge ins Reich der Phantasie und des Zweifels" - nennt Hans-Werner Berretz, Maler und Graphiker in Aachen, jene Ausstellung, die in Aachens Altem Kurhaus (Komphausbadstraße) das zehnjährige Bestehen der von ihm gegründeten grenzüberschreitenden Initiative "Avantière" feiert. Zehn Ausstellungen schlugen inzwischen den Bogen von Aachen bis Japan.

Auf seiner Suche nach Gedanken und Gefühlen kann der Besucher zunächst eintauchen in die dynamischen Bilder von Manfred Schling (Berlin). Mit ihrer brüchigrissigen Oberfläche erscheinen sie dem Urgestein abgerungen. Aus der Mischung von Quarzmehl, Öl- und Dispersionsfarbe erwachsen Kräfte, die den vier Elementen entstammen. Ein wenig ratlos blickt man zunächst auf Jupp Linssens (Aachen) im Kreis zusammengestellte Leinwände. Rot-bräunlich bemalt, strömen sie noch ölfarbigen Ateliergeruch aus. "Blumenblätter", so das Stichwort Linssens, den grundsätzliche Prinzipien der Natur beschäftigen. Gleichzeitig hat er eine Botschaft: Ein Nebenraum, dessen Wände mit grob gezimmerten leeren Rahmen bedeckt sind, mahnt gemeinsahm mit einem 500-Namen-Video an die von den Nationalsozialisten verfolgten Künstler.

Auch Pizza-Kartons und Notenblätter sind dabei

Wenn kleine Pizza-Schachteln und andere Papp-flächen in einer Ausstellung Aufnahme finden, hat Peter Lacroix (Aachen) seine Hand im Spiel. Mystische Zahlenkombinationen - der jüdischen Kabbala nachempfunden, die mit den Daten einer Person ihre Charakteranalyse betrieb - bestimmen den Linienverlauf der mehreckigen Ausschnitte im Karton.

Dem musikalisch-künstlerischen Dialog hat sich Hans-Werner Berretz (Aachen), mit Künstlernamen Ha Webe, verschrieben. Seinen Bildern liegen Notenblätter zugrunde. Dem Klang und der Notenoptik folgt das Bild. Mit spielerischer Perfektion beeindruckt Riera i Argagon (Barcelona). Aus genau 2623 winzigen Bronze-U-Booten hat er ein filigranes Objekt geschaffen (152 Zentimeter Länge), das in sich wiederum die winzige Form in großer Umsetzung bietet. Auf kleinen Metallstäbchen befestigt, läßt sich dieses "Meer" aus Elementen in sanftes Wogen versetzen, was besonders den Kindern bei der Ausstellungseröffnung am gestrigen Sonntag Vergnügen bereitete. Riera i Aragon ist ein Tüftler, einer, der sich in ein Motiv, eine Idee verliebt und dies immer wieder neu umsetzt.

Das Poesie-Element im Ausstellungstitel macht Aloys Rump (Boppard) sichtbar. Er setzt seinen Bildern gewaltige schwarze "Siegel" auf, zaubert mit feingesteuerter Sprühtechnik Licht und Schatten in silbrigem Grau-Schwarz über sparsames Collagematerial und hingewehte Schriftfetzen eines Gedichtes von Stéphane Mallarmé. "Phantasie" und "Zweifel", wie sie der Ausstellung vorangestellt werden, bestimmen auch ihr Gesamtbild. Erkunden kann man sie bis 16. August, dienstag bis freitags 14 bis 19 Uhr, samstags und sonntags 12 bis 17 Uhr.

Sabine Rother