Katalog zum Anlaß der Ausstellung in der Galerie Géraud Garcia
September – Oktober 1992, Genf

Text von Silvia Schmitz

Manfred Schlings Bilder leben. Zeit ist in sie eingegraben. Die Zeit des Malers, unsere Zeit, wenn wir sie betrachten, die Zeit, die sie brauchen, um zu entstehen. Am Anfang scheinen sie sich selbst zu generieren, mehrere auf einmal. Die Lust des Malers am Tun. Kein alla prima, keine Farbe auf der Palette. Mischtechnik «informel»: Auf die Leinwand am Boden trägt er Quarzmehl auf, das schafft Strukturen, über die sich Flüsse verdünnter Öl- und Dispersionsfarben ergiessen. Er fügt Pigmente hinzu. Das Bild schwimmt. Erste Motive wachsen in die Strukturen des Grunds. Der Maler schaut, greift ein in den nassen Grund mit Stäben, mit der Hand. Farben ziehen sich zusammen, stossen sich ab. Warten. Zeit des Antrocknens. Farben werden ausgewaschen. Korrosionsprozesse, erneutes Abwaschen. Phasen des Aufbrechens von Strukturen, des Kratzens. Das Bild verdichtet sich. Risse entstehen, Fugen klaffen, Spuren von Verletzungen werden sichtbar. Das harte Relief wird transparent, Farbräume entstehen. Die alten Schichten leuchten durch die jüngeren hindurch.

Die Formen, die Dinge, die wir sehen, sind alternde Dinge, rostig, schmutzig, verrottet, verwittert: ein «Kasten» deutet sich an, «Doppeleimer», die «Kaaba». Sie deuten zugleich auf das in ihnen, was immer schon da war. Archaische Formen: Quader, Dreiecke, Kugelformen, Höhlenmalerei. Die aus der informellen Arbeitsweise entstandene Gegenständlichkeit im Werk Manfred Schlings ist immer auch Abstraktion, die das konkrete Bildereignis gelten lässt. Es bleibt nicht bei dem Verweis auf Allgemeines, auf die Ideen, die Wahrheit, auf das was «wirklich» ist hinter den Dingen. Wer «Schlaf» betrachtet, mag die Verästelungen sehen, die aus der Ruhe des Schädels ins Gelb dringen. Das Licht in den Bildern antwortet auf das Licht draussen. Wer «Melancholie» betrachtet, - und sei es der Maler selbst - mag eine Feder sehen in der hellen Weite oben als Gegenbewegung zum «Horizont », der sich von links nach rechts schwingt. So ist es unser Blick, der von der Suggestivkraft des Bildes verführt wird. Wir sehen immer wieder anderes darin, nicht mit sich selbst Identisches, ständigen Wandel. «Feirefiz»: eine Figur aus Wolframs von Eschenbach Parzival-Roman. Dort Signum für alles in einem. Nicht zu fassen. Schwarz-weiss gescheckt wie eine Elster. Auch hier nicht zu fassende Utopie, die über das Werk hinausweist. Heiterkeit, derer wir bedürfen.