Katalog zum Anlaß der Ausstellung in der Deutschen Bundesbank, 2. - 30. Juni 1981, Frankfurt und in der Galerie Linneborn, 2. Juli - 29. August 1981, Bonn

teilnehmende Künstler: Christian Hasucha
  Joachim Peeck
  Jorgen Reichert
  Manuela Roigk
  Manfred Schling
  Angela Zumpe

Text von Rainer Höynck

Vorwort zur Ausstellung der Karl-Hofer-Gesellschaft Berlin in Frankfurt und Bonn

Junge Künstler haben es in Berlin derzeit besser, aber das haben sie vor allem sich selber zu verdanken. Gewiß - die staatliche Förderung hat Defizite allmählich verringert und bleibt weitgehend verschont von Sparmaßnahmen. Aber es kommt gerade aus der Generation um und unter Dreißig so viel an Impuls, Intensität und Innovationen, daß Auswahlgremien und Entscheidungsträger besser motiviert sind.
Die Gewichtsverlagerungen, weg von Repräsentation und Geniekult und hin zu mehr Gesellschaftsbezug und Breitenkultur, die mehr und mehr gefordert und praktiziert werden, sind im Bereich der bildenden Künste besser machbar und deutlicher merkbar, als es auf den ersten Blick scheint.
So vollzieht sich ein Wandel da besonders überzeugend, wo deutlichere Vorstellungen von Kommunikation und Spontaneität direkt in Qualität von Kunst umgesetzt werden. Das Behaupten allein genügt nicht. Befürchtungen, mit dem raschen, wenn auch nicht ganz überraschenden Sieg der Heftigen Malerei sei das Ende des Pluralismus gekommen und damit ein neuer Zwang zum Mitfahren im richtigen Zug, halte ich für weit übertrieben. Auch die Berliner Realisten haben erstens eine erhebliche Bandbreite an individueller Eigenart, und zweitens dominieren sie nicht zu stark. Der realistische Aspekt von Kunst hat zum gegenwärtigen Rang der Kunststadt Berlin beigetragen, vielleicht sogar entscheidend, aber nicht allein.
Seit dem Ende der Alleinherrschaft von Abstraktion, also seit mehr als zwei Jahrzehnten, kommt es auf die Eigenständigkeit an. Die Richtung bestimmt nicht den Rang. Das zeigen die Handschriften der Künstler, die sich für diese Ausstellung zusammengefunden haben, schon auf den ersten Blick. Wenn man dann noch in den Biographien nachschlägt, aus weichen Klassen die Meisterschüler kommen, dann sieht man, wie frei und wie oft gegen den Lehrer die Entwicklung läuft.
Das ist nicht nur eine Chance, das bedeutetet auch eine Gefahr: je weniger es Vorteil bringt, sich auf vorbestimmten Bahnen durchzusetzen, desto größer sind die Anforderungen, zur eigenen Handschrift zu finden, sich im umfangreichen Angebot der Millionenstadt und möglichst darüber hinaus bemerkbar zu machen, Aufmerksamkeit und Kritik zu finden, Anerkennung in Ankaufs-Juries und schließlich Käufer. In einer Ausstellung wie dieser kann der Käufer fabelhafte Funde machen; auch ist er frei vom Zwang herauszufinden, wo der Trend getroffen ist und kann seinem Spürsinn folgen - oder kann ihn zumindest weiterentwickeln. Schon wenige Jahre später kann es einem leid tun, abgewartet zu haben.

Man sieht hier sechs Temperamente versammelt und keinen Epigonen, wenn auch nicht bei allen die gleiche Sicherheit erreicht ist.

[…]

MANFRED SCHLING collagiert in seinen Mischtechniken auch mal mit Sand, oft mit Caparol, obwohl er nicht immer Vorgefundenes (wie Zeitungsseiten) verwendet. Seine Schriftzüge und Zeichen verletzen die Leinwände eher, als daß sie sie bedecken, ähnlich wie Tapies das macht. Auch hier sind Andeutungen nicht Ersatz für das penibel Ausgeführte, sondern entsprechen der Erkenntnis, daß man es so genau doch nie wahrnehmen und ausdrücken kann. Spuren werden entdeckt, neue Spuren gelegt. Wie bei Angela Zumpe ist Spurensicherung ein Versuch, Annäherungen zu finden, keine Forschung nach dem tatsächlichen Antlitz der Dinge - das kennt ja doch niemand. Um so wichtiger also, daß der Künstler Sinnbilder entwickelt, wo Abbilder allzu unergiebig wären.