Katalog zum Anlaß der Ausstellung im Haus am Lützowplatz von sieben Stipendiaten der Karl-Hofer-Gesellschaft, 11. Juli - 22. August 1981, Berlin

teilnehmende Künstler: Albert Held
  Matthias Langner
  Max Neumann
  Koichi Ono
  Sigrun Paulsen
  Günnter Scharein
  Manfred Schling

Text von Rainer Haarmann

Versuchte Annäherung

Berlin -so die offizielle Schreibweise- ist eine Stadt der Künste, ist also eine Reise wert. Berlin, so heißt es mehr und mehr in Publikationen und Äußerungen der Kunstkritik, ist wieder mal eine Stadt der bildenden Kunst. Bildwechsel in Berlin - die jungen Wilden der Malerei lehnen sich gegen die Väter auf, sie tun es vornehmlich in dieser Halbstadt, und ihre Väter danken es ihnen.
So wäre denn die Geschichte der 81er Malerei schon abgehakt, der Trend festgelegt, und wehe, man ist nicht wild? So wäre denn also eine neue Tendenz aus Berlin nur dann zu verzeichnen, wenn sie heftig daherkäme? Daß wir solch vorschnellem Urteil auf das heftigste zu widerstehen haben, zeigt auch, so meine ich, diese Ausstellung, die scheinbar willkürlich eine Reihe von unterschiedlichen Künstlern vereint. Nur eins verbindet sie: eine gemeinsame Atelieretage, zur Verfügung gestellt von der Karl-Hofer-Gesellschaft, wo sie Raum an Raum arbeiten. Nur scheinbar willkürlich ist das gemeinsame Auftreten in dieser Ausstellung, denn die sieben Maler und Zeichner machen klar, daß es nicht auf den Stil (und sei es nur der herrschende Stil der Stillosigkeit), auf irgendeine Stilrichtung ankommt, daß vielmehr die Intensität der erarbeiteten eigenen Sprache den Rang von Kunst ausmacht.
Dem Leser dieser Zeilen möchte ich dies vermitteln: Mir war es der eigentliche Eindruck beim Gang durch die Ateliers der sieben Künstler in der Rheinstraße (einen Tag vor Eröffnung der Bildwechsel-Ausstellung), mit einer sympathischen, ja auch hier und da eindrucksvollen Vielfalt konfrontiert zu werden, die Beispiel für den eigentlichen Geist der heutigen Bildkunst sein kann. Es ist die Zeit des Einzelnen, des Individuum, welches sich der Vielfalt vorge-fundener Stile bedient, die neu gewonnene Freiheit benutzt, Vergangenes nicht nur als Erfahrung, nein auch als Material aufgreifen zu können. Das dabei nicht immer der Weg bis zur Eigenständigkeit, zur Unverwechselbarkeit zu Ende beschritten ist, scheint zweitrangig angesichts der in jedem Fall wachen Aufmerksamkeit, mit der ein jeder seine eigene Wegstrecke sieht und formuliert. So war es denn auch das Gespräch im Atelier, welches das Kennenlernen dieser Künstler und ihrer Arbeit zu einem lohnenden Erlebnis gemacht hat und auf jeden Fall ein Kompliment an ihr Werk ist.
Der erste Schritt führte zu Manfred Schling und seinen zum Teil großformatigen, rotbraunen Bildtafeln, die im ersten Eindruck an frühere Arbeiten von Tapies erinnern mögen. Vordergründige Vergleichbarkeiten sind dabei vor allem die Verwendung vorgefundener Materialien wie Zeitungsfetzen oder Lappen und der materialhafte Aufbau der Bildfläche durch die Malmittel Sand und Leim.
Anders als bei Tapies indes geht es hier nicht um Zerstörung, um Verletzung, das heißt um Prozesse selbst, die zum Bilde führen. Schling zielt in bewußter Überwindung früherer Nähe zu Tapies heute darauf ab, "malerische Qualitäten in den Vordergrund" zu stellen. "Es ist der Materialreiz, der zu Bildanlässen führt."
Folgerichtig ist dabei die Reduzierung auf wenige Materialien, die der sensiblen Malweise hinzugefügt werden. Fast ausschließlich sind es heute kleine Lappenfetzen. Sie stehen am Anfang eines Arbeitsprozesses, sind Auslöser für Bildkompositionen. Sie sind "subjektiver Ausgangspunkt als Waage zwischen Bildfläche und Bildinhalt." Dem entsprechen kleine Notizen, Textchiffren als "biografische Geste", die Teil des Bildaufbaus, der Bildfläche werden, ohne darüber hinaus zur Bildinterpretation herangezogen werden zu können. Falsch also ist es, so meine ich, hier den Begriff der "Spurensicherung" zu verwenden, wie es Rainer Höynck in einer Beschreibung des Werkes von Manfred Schling getan hat. Spurensicherung meint die Kunstpraxis, mit quasi-wissenschaftlicher Methode Fiktionen zu produzieren, subjektive Wirklichkeit mit ästhetischen Mitteln freizulegen. Schling aber verwischt eher Spuren, wenn er zum Beispiel benutzte Lappen in seine Bildwelt einfügt, der Lappen also Malmittel wie die Farbe selbst ist. Der Gegenstand, der seine eigene rätselhafte Geschichte erzählt, dient zur Schaffung neuer Bildrätsel.

[…]