Katalog zum Anlaß der Ausstellung „Junge berliner Künstler“ bei BASF Ludwigshafen, 8. März - 4. April 1987, Ludwigshafen

teilnehmende Künstler: Christiane Baetcke
  Ulrich Schnackenberg
  Judith Brunner
  Monika Bartsch
  Norbert Keseberg
  Günter Scharein
  Ryusho Matsuo
  Albert Held
  Walter Heinrich
  Manfred Schling
  Stefan Schröter
  Christoph M. Gais

Text von Hermann Wiesler

Bildende Kunst jetzt. 12 Berliner Künstler.

[…]

Kunst aus Kunst.

Kein Künstler lebt ganz allein; sein Arbeiten entzündet sich auch am Zu- oder Widerspruch zu Werken anderer Kunst: Kunst entsteht (auch) aus Kunst.

Die alten Kunstakademien hatten Vorbilder und Regeln, lehrten, wie man was macht. Dieser feste Regelkanon (Praxiteles dort, Raffael hier) ist als allgemeinverbindlicher irreparabel zerbrochen. Moderne Kunst entzieht sich gestalterischen Vorgaben, Rezepten. Sie weigert sich, ihr vorgegebene Inhalte bildhaft zu plakatieren.

Sie entzieht sich Regeln, düpiert Erwartungshaltungen, ist unberechenbar - zum Leidwesen der auf stabile steigerungsfähige Wertskalen drängenden Kunsthändler. Sie ist jenseits von Maßstäben, denn sie schiebt vorstrukturierte gestalterische und inhaltliche Erwartungshaltungen beiseite. Der beobachtende (und möglicherweise verwirrte) Kunstfreund findet wie der Künstler Halt allein in und aus Vergleichen: Cézanne ging so mit Farbe um, Gais macht das so. Ein derartiger Vergleich stellt keine "ranggleichen" Künstler-komplizenschaften her. Er hilft, das jeweils Spezifische einer Methode zu erkennen, ob sie unverbraucht-neu oder eklektisch-überflüssig ist.

Vergleichen schließt Werten und Ablehnen ein. Der vergleichende Betrachter, der die von ihm heftig abgelehnte Sache an der Wand hängen läßt, ist kein lieberalistischer Schwächling; er betätigt einen Charakter, der dem moderner Kunst entspricht - denn das Machen dieser Kunst und der vernünftige Umgang mit ihr sind "offen", Freiheit wird von beiden Tätigkeiten gebraucht und hergestellt. Indem Kunst sich die Freiheit nimmt, so zu sein, wie sie ist, ist Kunst Freiheit. Moderne Kunst tritt nicht herrschaftlich auf noch dem Motto "Alle mal herhören". Sie ist individuell wie zeiteingebunden: Die Bilder von Heinrich/Schröter/Schling sind aus ihren Methoden ebenso dicht beieinander, wie in ihren Erscheinungswerten radikal unterschieden. Vor Jahrfünften wären sie noch undenkbar gewesen - sie sind individuelle Dokumente dessen, was methodisch zeiteingebunden in einer spezifischen Gestaltungsweise in diesen Jahren möglich ist.

Die Freiheit, die sich Künstler schaffen, die sie sich nehmen, ist gefährdet: Wirtschaftlich- existentiell zum einen und noch mehr von einer auf einvernehmliche Einstimmigkeit gerichteten Erwartungshaltung, die alles ihr fremde planieren möchte. "Das Unheil kommt ja immer aus der klatschenden, tosenden Menge" (Thomas Bernhard). Aus dieser Behauptung kann nicht notwendig auf eine Eremitenexistenz für Künstler gefolgert werden; sie zieht die Konsequenz aus der Tatsache, daß eine allgemeine, die ganze Gesellschaft tragende Bewußtseinslage heute nicht gegeben ist, nicht vorhanden sein kann. In dem Augenblick, in dem eine solche, alles einvernehmlich umfassende Bewußtseinslage da wäre (einziges Modell ist ein wie auch immer aufgezäumter Totalitarismus), wäre Freiheit als offenes Prinzip tot. Die einzige Alternative zur modernen Kunst ist, daß sie nicht ist.

[…]

Manfred Schling.

Werden hart-klare Farbtöne ins Diffuse von Farbklängen aufgelöst, entsteht für den Betrachter die Wirkung mit Augen zu erfassender ruhiger Konzentration. Die Bilder von Schling bestätigen diese Malerfahrung. Ihn interessiert der Gegensatz zwischen nebelhafter transparenter Farbe und grobem schrundigen Malgrund - wie das Sanfte das Zerklüftete steigernd angeht und umgekehrt.

In drei Arbeitsschritten wird das Bild gemacht:
- Auf Nessel (Leinwand könnte beim Trocknen reißen) werden in weißem Binder gelöste Grundierungen aus Quarzmehl oder Marmorstaub aufgetragen; die unregelmäßig körnig strukturierte Bildfläche wird bretthart;
- dem flach am Boden liegenden Bildträger werden dann verdünnte Ölfarben aufgegossen und wiederum mehrfach und ungleichmäßig mit Terpentin oder Wasser ausgewaschen; aus Überlagerungen, Wegnahmen entstehen Farbabtönungen, die in keinem Farbtest zu mischen sind;
- auf die so präparierte, in eine spezifische Farberscheinung getriebene Bildfläche wird nun - das "Bild" steht bei diesem 3. Arbeitsgang senkrecht - gemalt. Mit dem Pinsel, auch direkt aus der Tube; dieses Malen betont bestimmte Flächenabschnitte; von komplementären Effekten (blaurot oder schwarzweiß) ausgehend, ermischt der Maler jetzt unmittelbare Farbklänge.

Auf dem Bild "Bruchland" arbeitet Schling mit leim- und dispersiongebundener wässeriger Farbe auf fetthaltigem Grund. Die trocknende Wasser-Farbe reißt auf der fettigen Fläche. Inseln entstehen. Die untere Bildschicht wird sichtbar. Dies gewollte Krakelee soll kein museumsreifes ehrwürdiges Alter der Bildtafel herbeizaubern. Der Maler will die Materialität seiner Sache, die Schritte seines Arbeitens zeigen.

Das Bild läßt handfeste Vergleiche zu Meeres- oder Ackerlandschaften ebenso zu, wie es durchaus zurück auf Bilderkundungen von Friedrich oder Courbet weist. Diese augenscheinlichen Hinweise auf andere Bilder sind offen - sie sind möglich, aber nicht zwingend. Die Bildwirkung bleibt ruhig-bestimmt wie unfest-gestört, also lebendig.

Die Bildnamen sind nachträglich erfunden. Es gibt kein Konzept, außer dem, ein Bild machen zu wollen. Gerade, daß die Grundfarbe, der Grundklang eines Bildes formuliert werden. Alles weitere, am Ende für den Betrachter als von Anfang an konsequent gewollt Erscheinende, ergibt sich aus den Arbeitsschritten. Über den (nachträglichen) Titel "Tyrannen" kann der Betrachter das Bild dieses Namens offenen Auges für sich weiterspielen. - Spitzmesseriges, Keile, Blut mögen auf Elemente von Gewaltsamkeit und Tyrannei zeigen, doch nie will ein Bild von Schling anekdotisch erzählen.

Auf der unverletzen reliefierten Malhaut soll ein geschlossener Farbklang stehen - unschrill, transparent, diffuse Entschiedenheit eines offenen maßstablosen Farbraumes sichernd. Keine Linien, keine dem Auge Halt gebenden Perspektivführungen.

Das Gleißende, Schattenlose des mediterranen Lichts - Schling kennt das; aber er sucht und will das Konkrete jenes Unbestimmten, das mehr nord- als südeuropäischem Bilddenken entspricht...